Was ist Psychotherapie

Was ist Psychotherapie?

  

                                                                                    Der Mensch wird am Du zum Ich. 

                                                                                    Dr. Martin Buber, Professor für Soziologie, 
                                                                                    Philosoph, Religionsforscher, Bibel-Übersetzer

 

Psychotherapie ist eine wirksame Hilfe zur Selbsthilfe. Sie stützt sich auf wissenschaftlich fundierte Methoden und ist zugleich eine heilsame Begegnung von Mensch zu Mensch.

Der renommierte Psychotherapeut und Buchautor Irvin D. Yalom sagte hierzu sinngemäß, Therapie sei ein Zusammentreffen zweier Menschen, bei dem der eine etwas weniger Angst habe als der andere. 

Die Tatsache, dass Psychotherapie tatsächlich wirksam ist, lässt sich inzwischen sogar neurophysiologisch nachweisen. In bildgebenden Verfahren finden sich nach einer Psychotherapie neue neuronale Verknüpfungen und mindestens für einzelne Verfahren ist auch nachweisbar, dass die Aktivierungsmuster verschiedener Hirnbereiche sich erheblich verändern.


Wie wirkt Psychotherapie?

 

Das, was in Therapien wirksam ist, ist laut mehrerer Studien von Grawe (et al. Studien) zuvorderst die therapeutische Beziehung – und zwar methodenübergreifend. Was kann man sich nun darunter vorstellen? Sehr verkürzt könnte man sagen, dass sich im Mikrokosmos der Therapiesituation die Muster eines Menschen im Umgang mit seiner Umwelt in ähnlicher Weise abbilden wie außerhalb des Therapiezimmers. Der geschützte Rahmen, in dem die Therapie stattfindet, ermöglicht es, diese Muster zu erkennen, nachzuvollziehen und zu verändern. Der Schutz ergibt sich aus der Neutralität des Therapeuten (er verfolgt für das Leben des Patienten keine Eigeninteressen, da er explizit nicht Teil dessen Lebens außerhalb der Praxis ist) sowie aus einer akzeptierenden, verstehenden und wohlwollenden Grundhaltung heraus. Der Patient kann sich daher leichter öffnen und sich selbst auch mit Gewohnheiten konfrontieren, die er sonst lieber vor anderen und vor sich selbst verbirgt oder verschleiert. Und erst dann ist er in der Lage, diese Gewohnheiten zu verändern und auf diese Weise viel häufiger seinen Alltag in der Weise zu gestalten, die seinen Wünschen und Neigungen entspricht oder wie es schlichtweg zum Überleben notwendig ist. Dazu gehört auch, dass die ratsuchende Person sich selbst besser kennen lernt und um ihre individuellen Stärken weiß. Die Schwächen hingegen sind den Betroffenen häufig nur allzu bewusst bzw. werden zum Teil auch deutlich überbetont.


 

Warum dauert eine Therapie „so lange“?

Würde die Einsicht in das eigene Innenleben und die sich daraus ergebenden alltäglichen Muster genügen, dann könnte man mitunter mit deutlich weniger Therapiesitzungen auskommen. Aber ein rein verstandesmäßiges Begreifen von eingeschliffenen Prozessen stellt nur einen kleinen Ausschnitt der Therapie dar. Zunächst muss ja dieser so wesentlich notwendige Rahmen von Vertrauen gemeinsam erschaffen werden. Der Therapeut hat die Aufgabe, sein Gegenüber kennenzulernen, zu erfassen, zu begreifen, nachzuvollziehen. Es reicht nicht aus, sich einfach nur verständnisvoll zu geben, indem man an manchen Stellen wissend und ermutigend nickt. Der Therapeut hat die Aufgabe, dieses Verständnis tatsächlich zu entdecken, sonst funktioniert es nicht.

Natürlich hat er ein breites Wissen darüber, was Menschen antreibt, was sie hemmt; wie und welche Werte und Glaubenssätze in Familien über Generationen hinweg weitergegeben werden. Dennoch ist jeder Mensch ein sehr facettenreiches Individuum. Ein schablonenartiges Erfassen binnen zwei bis drei Sitzungen würde zu sehr an der Oberfläche bleiben, um dem Patienten einen Spiegel anzubieten, in dem er sich betrachten, erkennen und mit sich besser anfreunden kann.

Dann ist zu bedenken, dass sehr häufig diejenigen in die Therapie kommen, die sehr enttäuschende bis hin zu schwer traumatisierende Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht haben. Deren Vertrauen in ihre Mitmenschen ist dann massiv beeinträchtigt. Der Therapeut muss sich oft über einen langen Zeitraum hinweg bewähren, bevor die Öffnungsbereitschaft soweit angewachsen ist, dass die sensibelsten Bereiche des Betroffenen gemeinsam betrachtet werden können. Bewusst oder unbewusst wird die Vertrauenswürdigkeit des Therapeuten auf mehrere leichte bis schwerste Proben gestellt. Je stärker das Vertrauen erschüttert ist, umso schwieriger sind diese Tests zu bestehen. Umso wahrscheinlicher, dass dem Profi (und Menschen) dabei auch mal ein Fehler unterläuft – und sei es nur ein kleiner. Also zurück auf Start, oder so ähnlich.

Und, wie angedeutet, kann beim Erkennen und Verstehen der Prozess nicht enden. Veränderung ist ja erwünscht und zumeist notwendig. Und die braucht Mut. Das vertraute Leid ist so viel näher als das unbekannte Glück. Da weiß man doch wenigstens, was man hat. Also braucht es kleine Schritte. Erprobungen. Verschnaufpausen. Und…. Es braucht sehr sehr viele Wiederholungen, um neue Gewohnheiten so etablieren zu können, dass sie stabil werden. Dass sie auch in Stress- und Krisenzeiten abrufbar bleiben. Stünde der Patient mit Rückfällen alleine dar, würde alles als Misserfolg verbucht und die Resignation könnte dann größer werden als je zuvor. In der therapeutischen Begleitung kann verstanden werden, dass Rückfälle auf dem Weg zu neuen Ufern eher die Regel denn die Ausnahme sind. Gemeinsam kann geschaut werden, was bei diesem Schritt auf wenig ausgetretenen Pfaden dazugelernt werden konnte, so dass es mit immer wieder frischem Mut weitergehen kann. 

Ermutigung ist etwas sehr Zentrales in der Psychotherapie. Und Geduld. Geduld ist unbedingt von Nöten. Wie oft mögen wir (alle) im mittleren Alter diesen einen vernichtenden Satz über uns selbst schon gedacht haben? Ist das noch erfassbar? Klar ist: es muss sich um eine ziemlich große Zahl handeln. Unendlich erscheinende Wiederholungen. Das Neue, Ungewohnte braucht daher auch Wiederholungen. Sehr sehr viele, wenn man auf Nachhaltigkeit abzielt.

Das soll nun aber auch nicht so klingen, als ob es eine unermessliche Anzahl an Therapiestunden bräuchte. Das ganz Wesentliche eines Veränderungsprozesses findet zwischen den Sitzungen statt. Es ist sehr üblich, die Sitzungsfrequenz im Verlauf auszudünnen. So kann der Patient seine Eigenständigkeit erkennen und ausbauen – auf dem Boden des Rückhalts durch seinen Therapeuten. Übliche Behandlungsumfänge bewegen sich, je nach Schwere und Chronifizierung zwischen 10 und 100 Stunden. (In der Psychoanalyse sind es deutlich mehr Stunden. Dieses Verfahren wird jedoch in unter 10% aller Behandlungsfälle angewandt.)