Warum muss man so lange auf einen Therapieplatz warten?

Warum muss man so lange auf einen Therapieplatz warten?

 In den letzten zwanzig Jahren gab es durchgängig zu wenige Psychotherapeuten. Zwar zeigten Untersuchungen der Krankenkassen immer wieder, dass psychische Probleme zunehmen und mittlerweile sogar der zweithäufigste Grund für eine Frühberentung sind, aber das führte in den seltensten Fällen dazu, dass weitere Psychotherapeuten zugelassen wurden. Die Sitze für (kassenzugelassene) Psychotherapeuten sind nämlich streng limitiert, und anscheinend haben Politik und Krankenkassen große Angst davor, dass noch mehr Patienten noch mehr Kosten verursachen, indem sie noch mehr Therapien in Anspruch nehmen würden, wenn es noch mehr Therapeuten gäbe. Darum werden keine neuen Praxissitze geschaffen.

Dabei ist Psychotherapie extrem kostensparend. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass jeder Euro, der für Psychotherapie ausgegeben wird, drei Euro für überflüssige Medikamente, überflüssige Untersuchungen und überflüssige Behandlungen einspart. 22% aller niedergelassenen Mediziner sind Psychotherapeuten, aber sie verbrauchen nur 0,4% der Gesamtausgaben im Gesundheitssystem!

Psychotherapeut ist ein Beruf, der oftmals emotional belastend ist und immer wieder Zeit für Reflektion und Recherche verlangt. Dazu kommt relativ viel Verwaltungsarbeit, wie z.B. das regelmäßige Erstellen von Gutachterberichten bei Langzeit- oder Fortführungsanträgen. Es erfordert daher durchaus sportlichen Ehrgeiz, 30 oder mehr Sitzungstermine pro Woche anzubieten. Das gilt für Therapeuten mit einem vollen Praxissitz; es gibt aber gerade in unserer Branche relativ viele Therapeuten, die bewußt nur einen halben Sitz haben, um ihre Belastung in Grenzen zu halten und unter dem Strich bessere Therapien zu liefern.

Wenn wir von 30 Wochenstunden ausgehen, finden am Ende durch Urlaub, Krankheit, Reha, stationäre Behandlung, Feiertage etc. vielleicht 25 Wochenstunden statt. Die Therapiestunden sind auf 50 Minuten Dauer festgelegt (die sich inklusive Vor- und Nachbereitung auf 70 Minuten für den Therapeuten belaufen), so dass ein Psychotherapeut im Gegensatz zum Hausarzt nicht einfach mehr Patienten durchschleusen kann, indem er die Behandlungszeit verkürzt.

Eine Psychotherapie erfordert nicht nur viele Wiederholungen, bis sich ein neues Verhalten und Erleben etablieren kann, sondern zu Beginn das Wachsen von Vertrauen, bis sich der Patient wirklich öffnen kann – man kann sagen, dass die Seele einfach Zeit braucht, um Veränderung zu verwirklichen und zu wachsen. Eine Durchschnittszeit von 60 Sitzungen pro Therapie erscheint daher mindestens notwendig – auch wenn manche eng umschriebene Probleme weit schneller gelöst werden können, gibt es auch schwere Probleme, die eher eine lebensbegleitende Therapie erfordern würden als eine Limitierung auf 100 Sitzungen.

Also: 25 Wochenstunden mal 50 Wochen im Jahr ergibt 1250 Behandlungsstunden im Jahr. Geteilt durch 60 Sitzungen durchschnittliche Therapiedauer ergibt 20,8 Behandlungen pro Jahr, die rein rechnerisch abgeschlossen werden können. Pro Monat können also 1,7 Therapien beendet werden, d.h. der Therapeut bekommt jeden Monat knapp 2 Behandlungsplätze frei.

Bei mir ruft im Schnitt jeden Tag ein potentieller Patient an, das bedeutet 10mal mehr Anfragen, als überhaupt Behandlungsplätze zur Verfügung stehen.

 Warum also  man so lange auf einen Therapieplatz warten???

Machen Sie bei der nächsten Bundestagswahl Ihr Kreuz an der richtigen Stelle …

 

Helmut Krauthauser